Agrarpolitik mit Lukas Golder: «Die Meinungsbildung steht erst ganz am Anfang»

Der Meinungsforscher hat die Akzeptanz neuer Züchtungsmethoden untersucht - und gezeigt, dass Offeneit da sein kann. Ein Gespräch über Ängste, nicht zu unterschätzende Kritik und Potenziale.

13. November 2021 | Staffel 4, Folge 5

👋 Guten Morgen,

Die fünfte Folge der vierten Staffel «Schöne neue Welt - Potenzial und Risiken neuer Technologien» widmet sich der gesellschaftlichen Akzeptanz von neuen Züchtungsmethoden 🧬.

Bevor wir loslegen, aber noch zwei Hinweise:

  1. Am 29. November startet die Wintersession der eidgenössischen Räte. Sie können deshalb in zwei Wochen die nächste Folge Agrarpolitik - der Podcast aus der Wandelhalle erwarten. Sie können unser kostenpflichtiges Angebot hier 14 Tage gratis testen und abonnieren.

  2. Am 7. Dezember laden wir Sie zum Webinar ❤ «Zukünftiger Umgang mit und mögliche Regulierung von Genomeditierung» ein. Hier finden Sie mehr Informationen und den Link zur Anmeldung.

Dann zur heutigen Folge: Unser Gast ist Lukas Golder. Er ist Meinungsforscher und Co-Geschäftsleiter beim Meinungsforschungsinstitut GFS Bern. Ein Gespräch über Ängste, Akzeptanz und neue Technologien - und über mögliche Resultate einer Abstimmung zu neuen Züchtungsmethoden.

Hier den Podcast mit Lukas Golder hören

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Unten die wichtigsten Aussagen – frohes hören, danke fürs Teilen und Liken und schön, dass Sie da sind✨.


Alles gut - ausser im eigenen Garten

Lukas Golder und sein Team haben im Auftrag von Swiss-Food die Akzeptanz von neuen Züchtungsmethoden untersucht. Die Studie ist eine der ersten ihrer Art. Sie zeigt, dass die Offenheit gegenüber der neuen Züchtungsmethoden wächst, je mehr die Menschen über mögliche Potenziale und Risiken wissen. «Grundsätzlich steht nicht nur der Schaden im Vordergrund, sondern auch der potenzielle Nutzen», sagt Golder.

Wie Golder ausführt, stossen jene Eigenschaften moderner Züchtungsmethoden auf Akzeptanz, die der Landwirtschaft bei der Bewältigung ihrer Probleme helfe. Am stärksten Sichtbar ist dieser Nutzen derzeit im Umgang mit Pflanzenkranheiten wie Mehltau und Feuerbrand.

Im Gespräch weist Golder darauf hin, dass jede Person anders auf neue Technologien reagiert. Ausserdem dürfe man das Potenzial der Kritik nicht unterschätzen. Insbesondere örtlicher Widerstand, wie er gegen ein Versuchsfeld oder eine 5G-Antenne auftreten kann, ist sehr konkret und kann sehr wirksam werden. Dieses Phänomen der örtlichen Kritik wird NIMBY genannt- eine Abkürzung für not in my backyard. Sie besagt: Nur weil die Gesellschaft in der Mehrheit die neue Technologie begrüsst, heisst das nicht, dass Individuen derselben Gesellschaft die neue Technologie in ihrem Hinterhof akzeptieren.

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Abwarten hat sich gelohnt – bis jetzt

Die Meinungsbildung zu neuen Züchtungsmethoden steht laut Lukas Golder erst am Anfang. Sichtbar sei, dass die negative Haltung zur Gentechnologie und die damit verbundene Angst, dass Menschen in die Schöpfung eingreifen, auch die Beurteilung neuer Züchtungsmethoden beeinflusst.

Das Moratorium ist eine zurückhaltende, abwartende politische Massnahme. Davon haben laut Golder alle profitiert. Die Landwirtschaft konnte die Gentechnik-Freiheit für die Positionierung im internationalen Umfeld nutzen, die Gesellschaft musste sich mit der Frage nach dem Eingriff in die Schöpfung nicht mehr auseinandersetzen. Und für die Politik war (und ist) es einfach, das Moratorium laufend zu verlängern. Nur: mit neuen Züchtungsmethoden verändern sich die Möglichkeiten1, was zu einer Neubeurteilung führen müsste. Auf politischer Ebene bestehen noch wenig Ambitionen, die Diskussion über neue Züchtungsmethoden und ihren Einsatz zu lancieren.

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Potenziale in der Debatte sichtbar machen

Lukas Golder hofft, dass die öffentliche Debatte über die Anwendung von Genomeditierung in der Landwirtschaft die gemeinsame Entwicklung in den Vordergrund stellt - und dass so ein Chancendialog entstehen kann. Dass dieser Dialog möglich ist, steht für Golder ausser Frage. Einerseits ist das Grundbild der Landwirtschaft positiv. Zudem ist die Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung sehr gross. Andererseits wachse das Bedürfnis, dass die Landwirtschaft umweltverträglicher wird, weniger Pestizide einsetzt und Gewässer besser schützt.

«Es ist nicht so, dass wir eine Euphorie haben», sagt Golder in Bezug auf die Akzeptanz neuer Züchtungsmethoden. Aber es sei durchaus möglich, dass bei einer Erstbeurteilung der neuen Züchtungsverfahren nicht nur der Schaden im Vordergrund steht, sondern eben auch der potenzielle Nutzen. Und in dieser Debatte sieht Golder eine Möglichkeit, einen Schritt nach Vorne zu machen und Gräben zuzuschütten. Golder hofft deshalb, dass der Dialog weitergehen kann.

Noch keine eindeutigen Positionen

Ob und wie die Diskussion über die Genomeditierung geführt werde, kommt laut Golder zu einem guten Teil auf die politische Führung an. Das Parlament habe es in der Hand, meint Golder2. Hinzu kommt: bei den neuen Züchtungsmethoden ist noch keine parteipolitische Positionierung sichtbar. Und selbst innerhalb der Landwirtschaft sind die Positionen nicht eindeutig. Das liegt daran, dass sich bei neuen Themen die verschiedenen Blöcke, Argumente und Meinungen erst finden müssen.

Die GFS-Studie zeigt auf, dass die Bevölkerung durchaus für Veränderung und Modernisierung offen sei. Heisst auch: bei der Genomeditierung ist der Widerstand nicht formiert. Vielmehr müsse die Veränderungsbereitschaft hoch gehalten werden, «sonst riskieren wir, den Anschluss zu verlieren.»

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Soviel für den Moment von uns. 🙏 Danke fürs Interesse, schönes Wochenende 👋 und frohes Podcast-Hören 😀.

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Agrarpolitik - der Podcast

Agrarpolitik wird von vielen Menschen umgesetzt und gemacht: von Landwirtinnen und Landwirten, von Verbandsvertreterinnen und -Vertretern, vom Bundesrat, von Parlamentarierinnen und Parlamentariern.

Was politisch opportun ist, ist nicht immer richtig. Und was richtig ist, ist nicht immer politisch opportun. Im Agrarpolitik-Podcast gehen wir mit Ihnen auf die Suche nach einer besseren, schöneren, wirkungsvolleren und verständlicheren Agrarpolitik. Wir zeigen Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen.

Wir sind: Sie, unsere Gäste, Andreas Wyss (Gespräche), Lisa Nagy (Social Media), Louisa Wyss (Webinare) und Hansjürg Jäger (Produktion).

1

Stichworte sind Nicht-Nachweisbarkeit, veränderte Risikoprofile, Wissenszuwachs in den letzten 20 Jahren.

2

Der Nationalrat hat das Moratorium um weitere vier Jahre verlängert und neue Züchtungsmethoden ebenfalls dem Moratorium unterstellt. Der Ständerat entscheidet voraussichtlich in der Wintersession.