Agrarpolitik mit Nadja El Benni: "Wir müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen können"

Ein Gespräch über Chancen und Potenziale der Digitalisierung in der Landwirtschaft. Und darüber, welche Lücken politisch geschlossen werden sollten.

14. August 2021 | Staffel 4, Folge 1

👋 Guten Morgen

Mit Nadja El Benni machen wir den Auftakt zur vierten Staffel Agrarpolitik – der Podcast. In den kommenden Folgen widmen wir uns der schönen neuen Welt der Innovationen. Wir fragen uns, wie die Agrarpolitik mit CrisprCas, Smartfarming und der Digitalisierung umgeht.

Bevor wir in die Details gehen, drei Infos in eigener Sache:

  • Der Agrarpolitik-Podcast ist jetzt Hochdeutsch verfügbar;

  • auf Twitter gibts ein eigenes Handle: @ap_podcast_;

  • und bei LinkedIn eine eigene Unterseite 😀.

Frohes Lesen und Podcast-hören, danke fürs Teilen und Liken und schön, dass Sie bei uns sind✨.


Die Lieblingsmaschine von Nadja El Benni heisst Robotti. Die Leiterin des Agroscope-Forschungsbereichs Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung untersucht unter anderem den Einfluss der Digitalisierung auf Landwirtschaftsbetriebe wie auch den Sektor. Mit Andreas Wyss redet sie in der neuen Folge Agrarpolitik - der Podcast über Ansprüche, Chancen und mögliche Nutzen der Digitalisierung in der Landwirtschaft und über agrarpolitische Lücken - und sie erklärt, warum der Anwendung von Robotti kaum Grenzen gesetzt sind 😉.

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Die Agrarökonomin Nadja El Benni ist fasziniert von praxisrelevanter Forschung und seit 2017 bei Agroscope als Leiterin des Forschungsbereichs Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung. (Bild: zVg)

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«Wir haben mit der Digitalisierung Instrumente, die agrarpolitische und umweltpolitische Ansprüche berücksichtigen, um den administrativen Aufwand zu reduzieren», erklärt Nadja El Benni im Gespräch. Die Verbindung von Agrar- und Umweltpolitik mit der Digitalisierung kann ihrer Meinung nach den gesellschaftlichen Anspruch nach ressourcenschonenden und tierschützenden Produktionsformen erfüllen und gleichzeitig den administrativen Aufwand auf den Betrieben senken.

«Die Potenziale der Technologie sind vielfältig»

«Die Potenziale der Technologie sind vielfältig», sagt El Benni weiter. Der Melkroboter beispielsweise bringt Arbeitserleichterung. Andere Technologien helfen, Produktionsmittel zu sparen. Elektronische Messsysteme im Bereich des Hackens und der Bewässerung werden laut El Benni gerade im Gemüsebau eine Zukunft haben.

«Es ist wichtig, dass man die Programme und die Nachweispflichten kontrolliert. Aber Kosten und Nutzen müssen ausbalanciert sein.»

Ausserdem können mit besseren Daten Fortschritte in der Landwirtschaft besser gezeigt werden. Grosses Potenzial liegt laut El Benni in einer besseren Beurteilung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit - die am Markt in Form einer Prämie besser in Wert gesetzt werden kann.

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Kosten und Störungen als Innovationsbremser

Es gibt mehrere Gründe, weshalb sich manche Innovationen in der Landwirtschaft (noch) nicht richtig durchsetzen können. El Benni verweist auf eine Agroscope-Studie, die zeigt, dass vor allem Störanfälligkeit und Kosten gegen den Einsatz neuer Technologien sprechen.

«Wenn wir die Landwirte_innen frei entscheiden lassen, was sie nutzen möchten an Mitteln und Wegen, um die Ziele zu erreichen – inklusive der Digitalisierung – dann könnten wir Innovationen fördern.»

Damit die Digitalisierung in der Schweizer Landwirtschaft einen Schritt vorwärts kommt, braucht es laut El Benni zuverlässige Breitband-Abdeckung (z.B. in Form von 5G-Netzwerken) für die Erhebung und Übermittlung grosser Datenmengen. Ausserdem sollte gewährleistet werden, dass aus den erhobenen Daten Wissen geschaffen werden kann.

«Wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden»

Nadja El Benni begrüsst, dass Landtechnik-Firmen in ihren Entwicklungsabteilungen neue Lösungen entwickeln. Es brauche sowohl die Entwicklung neuer als auch die Adaption bestehender Technologien. Für Agroscope interessant ist dabei die Entwicklungsstufe vor der Marktreife - dann, wenn die Technologie noch nicht ganz zuverlässig ist oder sich Anwendungen nur ungenügend in Wert setzen lassen (Zu diesem Zweck haben Agroscope, die Kantone Schaffhausen und Thurgau und Agridea die Versuchsstation «Smarte Technologien» lanciert).

Um die Digitalisierung in der Landwirtschaft voranzutreiben, möchte sie insbesondere im alpinen Raum die Zusammenarbeit stärken. Das Ziel: in Bergregionen die Digitalisierung soweit bringen, «dass sie gut nutzbar ist.»

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Resultate messen, statt Output verlangen

El Benni plädiert ausserdem dafür, dass Resultate gemessen werden und nicht Output verlangt wird. Diese Unterscheidung lässt sich am Beispiel der Biodiversitätsförderflächen illustrieren: Das Resultat ist der Erhalt und die Förderung der Biodiversität in der Schweiz. Beurteilt wird aber die Fläche der BFF, eine eigentliche Output-Variable. Für sich alleine stehend sagt diese aber noch nichts über den Zustand der Biodiversität in der Schweiz aus.

«Wir müssen Daten zwischen den verschiedenen Datennutzern transferieren können, ohne dass erneut riesige Datenbanken aufgebaut werden.»

Wie El Benni gegen den Schluss des Gesprächs ausführt, ist es offensichtlich, dass sich auch die Verwaltung auf neue Lösungen einrichten muss. «Das bedingt den Aufbau entsprechender IT-Infrastruktur», sagt sie. Und fügt an: «Wir müssen Daten gut zwischen den verschiedenen Datennutzern transferieren können, ohne dass erneut riesige Datenbanken aufgebaut werden.» Ausserdem fehlen rechtliche Rahmenbedingungen. «Mir sind bis jetzt keine Gesetze bekannt, die den Schutz von Mensch, Tier und Umwelt vollständig gewährleisten.» Prominentes Beispiel für Regulierungslücken ist jene bei autonom-fahrenden Geräten.

«Wenn man die Technologie einsetzen möchte, um einen Systemwechsel zu erreichen – also neue Produktionssysteme – müssen wir auch schauen, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden können.»

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Soviel für den Moment von uns. 🙏Danke fürs Interesse, schönes Wochenende 👋 und frohes Podcast-Hören 😀.


Agrarpolitik - der Podcast

Agrarpolitik wird von vielen Menschen umgesetzt und gemacht: von Landwirtinnen und Landwirten, von Verbandsvertreterinnen und -Vertretern, vom Bundesrat, von Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Was politisch opportun ist, ist nicht immer richtig. Und was richtig ist, ist nicht immer politisch opportun. Im Agrarpolitik-Podcast gehen wir mit Ihnen auf die Suche nach einer besseren, schöneren, wirkungsvolleren und verständlicheren Agrarpolitik. Wir zeigen Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen. Wir sind: Sie, unsere Gäste, Andreas Wyss (Gespräche) und Hansjürg Jäger (Produktion).

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