Agrarpolitik mit Roland Peter: «Talentierte Forschende wollen ja auch sehen, dass es nützliche Resultate gibt aus ihren Projekten.»

Roland Peter leitet den Forschungsbereichs Pflanzenzüchtung bei Agroscope. Er erklärt Genomeditierung, wie sie genutzt wird - und was für eine differenzierte Regulierung zu klären ist.

30. Oktober 2021 | Staffel 4, Folge 4

Agrarpolitik mit Roland Peter: «Wir sollten differenzierter regulieren»

👋 Guten Morgen

Die vierte Folge der vierten Staffel «Schöne neue Welt – Potenzial und Risiken neuer Technologien» bleibt beim Thema neuen Züchtungsmethoden und Genomeditierung 🧬.

Unser Gast heute: Roland Peter, seit 2019 Leiter Pflanzenzüchtung bei Agroscope. Ein Gespräch über Grundlagenforschung mit neuen Züchtungsmethoden, die Möglichkeiten in der praktischen Anwendung und die dafür notwendige Regulierung.

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Unten die wichtigsten Aussagen - Frohes hören, danke fürs Teilen und Lliken und schön, dass Sie da sind ✨.


Ein Werkzeugkasten für besseres Verständnis

Genomeditierung ist ein Sammelbegriff für verschiedene Werkzeuge, die nicht nur in der Pflanzenzucht, sondern auch in anderen Bereichen eingesetzt werden können. Wie Roland Peter ausführt, ist der Einsatz dieser neuen Werkzeuge in der Pflanzenzucht erst seit 15 Jahren ein Thema; es handelt sich also um vergleichsweise junge Methoden, die aus anderen Forschungsbereichen adaptiert wurden. Crispr/Cas als bekannteste Anwendung wird seit 2012 in der Grundlagenforschung eingesetzt. Sie wird dazu genutzt, grundlegende Fragen zum Genom und seiner Funktionsweise zu klären.

«Man kann sehr genau steuern, wo der Eingriff im Genom erfolgt.»

Die neuen Technologien unterscheiden sich insofern von der «alten» Gentechnologie, «dass sie präziser sind. Man kann sehr genau steuern, wo der Eingriff im Genom erfolgt», erklärt Peter. Die «alte» Gentechnologie muss auf den Zufall hoffen. Mutationen oder fremde DNA kann sie beispielsweise mit einer Partikelkanone einfügen; damit wird auf die DNA in der Zelle geschossen und an einer zufälligen Stelle die Veränderung erreicht.

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Der Nutzen liegt im gezielten Eingriff und im Zeitgewinn

Der Nutzen der Genomeditierung liegt laut Roland Peter im gezielten Eingriff in das Genom und in der Zeitersparnis. Neue Züchtungsmethoden ergänzen und erweitern laut Peter die bestehenden Methoden der Pflanzenzucht. «Sie erweitern unsere Möglichkeiten», sagt Peter deshalb mit Blick auf neue Kombinationsmöglichkeiten und gezieltere Entwicklung von neuen Eigenschaften der Pflanze.

«Die Ölqualität von Soja ist sehr tief, normalerweise. Mit zwei Eingriffen konnte das korrigiert werden»

Die Zeitersparnis ist gross, aber nicht riesig. Wenn beispielsweise eine Sorte bereits soweit entwickelt ist, dass sie kurz vor der Marktfähigkeit steht, aber vielleicht noch eine Eigenschaft fehlt, «dann kann man sehr gezielt eingreifen und diese Eigenschaft, zum Beispiel eine Krankheitsresistenz züchten», so Peter. Genomeditierung kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Aber sie kommt laut Peter kaum losgelöst von klassischen Methoden der Pflanzenzucht zur Anwendung.

Volle Entwicklungspipeline

Es gibt bereits erste Beispiele von verfügbaren Produkten, die auf Crispr/Cas als Züchtungsmethode basieren: 2019 wurde in den USA eine neue Soja-Sorte mit einer höheren Ölqualität eingeführt. «Die Ölqualität von Soja ist sehr tief, normalerweise. Mit zwei Eingriffen konnte das korrigiert werden», so Roland Peter. In Japan derweil wurde dieses Jahr eine Tomate auf den Markt gebracht, bei der durch Genomeditierung der Gehalt eines blutdrucksenkenden Inhaltsstoff erhöht wurde.

«Die Entwicklung von Lösungen für Märkte in der Schweiz und in Europa ist schwierig.»

Der Blick in die internationale Entwicklungspipeline zeigt, dass es «bei rund 70 Kulturpflanzen über 400 bekannte Forschungsprojekte gibt, natürlich mit unterschiedlichen Reifegraden». Wie Roland Peter erläutert, handelt es sich um sehr verschiedene Produkte und Ideen, die allesamt zeigen dass die internationale Entwicklung voranschreitet. Und das wiederum wirft Fragen bezüglich der Regulierung von neuen Züchtungsmethoden auf.

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Moratorium bremst die Entwicklung

In der Schweiz beschränkt das Moratorium die Züchtung mit Genomeditierung auf die Grundlagenforschung im Labor oder auf der Protected Site bei Agroscope. Angesprochen auf die Frage, ob der Forschungsstandort Schweiz durch das Moratorium gefährdet sei, antwortet Roland Peter: «Die Entwicklung von praxistauglichen Lösungen für die Schweiz und Europa ist schwierig. Und dann ist da natürlich die Frage, ob wir Know-How und helle Köpfe haben, die hier aktiv sein wollen. Talentierte Forschende wollen ja auch sehen, dass es nützliche Resultate gibt aus ihren Projekten.» Das Moratorium sorgt laut Peter dafür, dass es schwierig sei, Anwendungen neuer Züchtungsmethoden für die wichtigsten Kulturpflanzen zu entwickeln. Man komme kaum voran.

«Talentierte Forschende wollen ja auch sehen, dass es nützliche Resultate gibt aus ihren Projekten.»

Die Beantwortung der in der Gentech-Debatte aufgeworfenen Fragen sei nicht eindeutig möglich. Wie Roland Peter erklärt, sei in vielen Fällen unklar, welche Daten notwendig sind, um die Sicherheit einer Methode oder eines daraus entstehenden Produkts zu belegen. «Genomeditierung ist etwas anderes ist als herkömmliche Gentechnik. Es handelt sich um eine ganz andere, neue Klasse von Werkzeugen, man kann gezielter damit arbeiten. Und da müssen wir genauer hinschauen und im Gesetz differenzierter regulieren», erläutert Roland Peter die Forderungen der Forschung.

Anforderungen an Datenbasis klären

Risikoanalysen bleiben weiterhin notwendig, sie müssten aber in der Lage sein, die Risiken je nach Methode zu differenzieren. Am Beispiel der Forderung nach einer History of Safe Use zeige sich ausserdem, dass noch nicht klar sei, welche Daten notwendig seien, um diese sicheren Anwendungsgeschichten zu zeigen. Peter wünscht sich deshalb regulatorische Rahmenbedingungen, die besser unterscheiden und auch für neue Methoden einen chancenorientierten, klaren rechtlichen Rahmen schaffen.

Zum Schluss weist Peter noch auf ein interessantes Detail hin: die Entwicklung und Zulassung transgener Sorten mit «alter» Gentechnik in den USA kostet gegen 80 Millionen US-Dollar. Grund dafür seien auch die aufwändigen Zulassungsverfahren. Sorten aus neue Züchtungsmethoden würden nur einen Fünftel davon kosten, da sie viel effizienter und schneller entwickelt und einfacher zugelassen werden können - vorerst wenigstens. Das eröffne das Feld für viele kleine Akteure und würde die Pflanzenzucht zu einem guten Teil demokratisieren.

Soviel für den Moment von uns. 🙏 Danke fürs Interesse, schönes Wochenende 👋 und frohes Podcast-Hören 😀.

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Agrarpolitik - der Podcast

Agrarpolitik wird von vielen Menschen umgesetzt und gemacht: von Landwirtinnen und Landwirten, von Verbandsvertreterinnen und -Vertretern, vom Bundesrat, von Parlamentarierinnen und Parlamentariern.

Was politisch opportun ist, ist nicht immer richtig. Und was richtig ist, ist nicht immer politisch opportun. Im Agrarpolitik-Podcast gehen wir mit Ihnen auf die Suche nach einer besseren, schöneren, wirkungsvolleren und verständlicheren Agrarpolitik. Wir zeigen Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen.

Wir sind: Sie, unsere Gäste, Andreas Wyss (Gespräche), Lisa Nagy (Social Media), Louisa Wyss (Webinare) und Hansjürg Jäger (Produktion).