Agrarpolitik mit Sofia Barth und Ursin Gustin: Zwei Perspektiven und viele Gemeinsamkeiten

Ein Gespräch mit Aktivistin Sofia Barth und Junglandwirt Ursin Gustin über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft, die Agrarpolitik und die Trinkwasser- und Pestizidverbots-Initiative.

24. April 2021 | Staffel 2, Folge 5

Sofia Barth ist Aktivistin, 25 Jahre alt und studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. Sie engagiert sich bei Landwirtschaft mit Zukunft und will eine kleinbäuerlich geprägte und vielfältige Landwirtschaft und mehr Wertschätzung für die Schweizer Bäuerinnen und Bauern. Ursin Gustin ist Bio-Landwirt, 30 Jahre alt und bewirtschaftet seinen Hof in Donat GR. Er engagiert sich beim Bauernverband und der Junglandwirte-Kommission und stellt den Familienbetrieb ins Zentrum. Für ihn ist die Versorgung mit gesunden und standortgerecht hergestellten Lebensmittel eine wichtige Aufgabe der Landwirtschaft. Sie engagiert sich für ein Ja zur Trinkwasser- und zur Pestizidverbots-Initiativen. Er ist gegen beide Vorlagen. Ein Gespräch über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft, die Initiativen und lösungsorientierte Zusammenarbeit.

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Ursin Gustin: “Ich fühle mich von den Initiativen sehr direkt angesprochen”

Das Gespräch zwischen Ursin Gustin und Sofia Barth nimmt schnell Fahrt auf. Zwar sind sich beide einig darin, dass die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft nachhaltiger und vielfältiger sein wird. Grösser sind die Differenzen beim Weg: Ursin Gustin wünscht sich weniger Verbote und mehr Anreize. Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden werde reduziert, auch dank der Pa. IV. 19.475 - “Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren”. Sofia Barth weist darauf hin, dass der darin vorgesehene Absenkpfad wichtige Elemente auslasse: der Schutz der Anwender_Innen oder der Konsumenten_innen.

“Ich fühle mich von den Initiativen sehr direkt angesprochen”
Ursin Gustin

Ursin Gustin fühlt sich von den Initiativen “sehr direkt angesprochen” und weist darauf hin, dass niemand Pflanzenschutzmittel “für lustig” einsetze. Der Absenkpfad ist aus seiner Sicht eine gute Lösung. Ohnehin: die Landwirtschaft entwickel sich stetig weiter.

“Ich glaube nicht, das jemand böswillig Pestizide einsetzt. Aber was man sieht, sind die Belastungen im Wasser. Und das sind Dinge, die man nicht ignorieren kann.”
Sofia Barth

Sofia Barth sieht die Bestrebungen der Landwirte, weist aber auf die im Wasser gemessenen Belastungen hin. Und sie lässt nicht unerwähnt, dass die bürgerlichen Parteien in der Parlamentsdebatte einiges unternommen haben, um das Ambitionsniveau des Absenkpfades zu senken. Die Initiativen formulieren aus ihrer Sicht gute Ziele. Ziele, auf die sich die ganze Land- und Ernährungswirtschaft ausrichten könne. Wenn die beiden Initiativen angenommen würden, “dann werde ich mich dafür einsetzen, dass kein Landwirt zurückbleibt. Und ich werde dafür kämpfen, dass sich auch der Konsum und der Detailhandel verändern”, betont sie.

“Es braucht mehr Zeit in der Forschung, in der Entwicklung.”
Ursin Gustin

Besonders toxische Mittel wurden bereits verboten, sagt Ursin Gustin. Die in den Initiativen vorgesehenen Übergangsfristen seien zu kurz, die Konsequenzen für die Landwirtinnen und Landwirte deshalb kaum absehbar, die Risiken viel zu hoch. Die generelle Entwicklung zeige klar in Richtung der Initiativen. “Aber es braucht mehr Zeit in der Forschung, in der Entwicklung.” Ein Nein zu den Initiativen heisst für Gustin nicht, dass nichts mehr passiert - im Gegenteil: die Landwirtschaft werde den Einsatz von Pflanzenschutzmittel weiter reduzieren und der Bio-Markt wird weiter wachsen, ist Gustin überzeugt.

“Niemand soll auf dem Weg verloren gehen”
Sofia Barth

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Ursin Gustin betont die grosse Bedeutung des Kassenzettels für die Schweizer Landwirtschaft. Würden die Konsumentinnen und Konsumenten mehr Bio-Produkte nachfragen, Gustin würde sie nur zu gerne produzieren. Aber: Die Märkte geben das noch nicht her.

Sofia Barth schlägt deshalb vor, die Absatzförderung neu auszurichten, mit einer Lenkungsabgabe insbesondere den Fleischkonsum zu reduzieren und mit weiteren Instrumenten den Konsum gesünder und indirekt die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen. Sie versteht nicht, warum der Grenzschutz in der Schweiz vor allem die tierische und nicht die pflanzliche Produktion stützt. Ursin Gustin verteidigt den Grenzschutz mit den höheren Kosten in der Schweiz. “Wir haben grosse Mühe, gegen das Ausland zu bestehen.”

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Die Zusammenarbeit ist ein weiteres Thema, das beide beschäfitgt. Wie Ursin Gustin sagt, gab es schon einen Austausch zwischen Vertreter_innen von Landwirtschaft mit Zukunft und der Junglandwirte-Kommission. “Dann sind aber die Initiativen dazwischen gekommen.” Einer weiteren Zusammenarbeit steht er offen gegenüber. Er ist jedoch besorgt darüber, dass die Ansprüche der Umweltorganisationen laufend steigen. Sofia Barth wünscht sich ebenfalls mehr Dialog und freut sich auf die Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten und möchte Lösungen gemeinsam entwickeln.

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Agrarpolitik wird von vielen Menschen gemacht: von Landwirtinnen und Landwirten, von Verbandsvertreterinnen und -Vertretern, vom Bundesrat, von Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Was politisch opportun ist, ist nicht immer richtig. Und was richtig ist, ist nicht immer politisch opportun. In diesem Podcast gehen wir mit Ihnen auf die Suche nach der besseren, schöneren, wirkungsvolleren und verständlicheren Agrarpolitik. Wir zeigen Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen.
Wir sind: Sie, unsere Gäste, Andreas Wyss (Gespräche) und Hansjürg Jäger (Produktion).

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