Agrarpolitik mit Peter Moser: "Betroffenheit und Kenntnis stehen diametral zueinander"

Landwirtschaft ist ein komplexes Geschäft. Zu komplex für die Politik, sagt der Historiker Peter Moser. Das Resultat: Unzufriedenheit und Zielkonflikte, wo keine sein müssten.

22. Mai 2021 | Staffel 3, Folge 1

In der dritten Staffel geht Andreas Wyss der Frage nach,  was das Scheitern der Agrarpolitik 2022+ über das politische System der Schweiz zeigt. Im Gespräch mit Historiker Peter Moser1 wird dabei deutlich, dass die Industrialisierung, zwei Weltkriege und die Grüne Revolution bis heute die politische Diskussion prägen.

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Dass die Agrarpolitik von grossem Interesse ist, beobachtet Moser nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Das hat einen einfachen Grund: "Man spricht zwar über die Agrarpolitik und meint dabei aber etwas anderes, nämlich die Landwirtschaft", sagt Moser. Das grosse Interesse an der Landwirtschaft führt Moser auf grundsätzliche Kerneigenschaften zurück: Erstens produziert die Landwirtschaft Lebensmittel. "Das nehmen wir buchstäblich in uns auf. Und darum haben auch die meisten Leute das Gefühl, es gehe sie etwas an. Das ist grundsätzlich eine positive Grundvoraussetzung" Zweitens ist Landwirtschaft sichtbar. Da sie draussen stattfindet, können einzelne oder alle Aspekte betrachtet werden. Drittens kommt hinzu: Landwirtschaft arbeitet mit dem Leben – mit Tieren, Pflanzen und Menschen. "Das ist etwas, das uns alle berührt", sagt Moser.

Die Betroffenheit auf der einen und die Kenntnis auf der anderen Seite stehen laut Moser “diametral zueinander”: je weniger die Landwirtschaft verstanden werde, umso mehr mache ihre Praxis betroffen - und löst Diskussionen aus. Etwa über den Einsatz von Futter- und Pflanzenschutzmittel oder die Tierhaltung.

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Geschichte ist (fast) wie eine Zwiebel

Man könne in der Geschichte eigentlich nie von einer von-zu-Entwicklung sprechen. “Diese Dichotomien taugen für die historische Entwicklung nicht. Es gibt Abfolgen; eine Entwicklung überlagert eine frühere Entwicklung und spielt immer noch mit", sagt Moser. Geschichte und der Einfluss historischer Ereignisse könne man mit einer Zwiebel vergleichen: dem Kern werden im Verlauf der Zeit Schalen hinzugefügt, die dann historisch betrachtet werden können.

Anhand der Landwirtschaft lässt sich das bestens illustrieren:

  • Die erste Globalisierungswelle im 19. Jahrhundert führte dazu, dass die Landwirtschaft das produzierte, was global nachgefragt wurde. Damals (und heute) gefragt waren Käse und Milchprodukte. Die Schweizer Landwirtschaft wurde in der Folge grün – der Getreideanbau ging zurück, an seine Stelle trat Grünland zur Ernährung von Kühen. Die Organisationen, die in den 1880er-Jahren gegründet wurden, dienten gemäss Moser der Strukturierung der Globalisierung. Sie wurden gegründet, um die Märkte zu regulieren.

  • Diese Ordnung hat bis zum ersten Weltkrieg Bestand. Erst gegen Ende des ersten Weltkriegs 1917/1918 bricht sie teilweise zusammen. Man erfährt am eigenen Leib, welch krasse Verletzlichkeit Spezialisierung und Weltmarktorientierung mit sich bringen können. In den Zwischenkriegsjahren beginnt man die Rolle der Landwirtschaft für die Versorgung der Schweizer Bevölkerung zu betonen. Und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Landwirtschaft ein viel zu wichtiger Sektor sei, um ihn einfach der Kaufkraft auf den Märkten zu überlassen. "Man hat dann gesagt, dass die Landwirtschaft nicht  das produzieren solle, was auf den Weltmärkten nachgefragt wird, sondern das, was die Menschen hier benötigen - also Getreide, Kartoffeln und so weiter." Wie Moser erklärt, wird in dieser Zeit die Bodengebundenheit der landwirtschaftlichen Produktion in neuem Licht betrachtet und wieder stärker berücksichtigt. 

  • Die Festschreibung dieser Haltung auf Gesetzes- und Verfassungsstufe erfolgt jedoch erst in der zweiten Hälfte der 1940er- und der ersten Hälfte der 1950er-Jahre. "Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die Bedingungen wieder verändern." Die Technisierung und Chemisierung der Landwirtschaft unterlaufen die nach dem ersten Weltkrieg geschaffen und nach dem zweiten Weltkrieg in Verfassung und Gesetzen festgeschriebene Ordnung.

  • Anfang 1960er-Jahre kommt es deshalb schon wieder zu einer agrarpolitischen Neuorientierung. Im Vordergrund steht nun nicht mehr die Bodengebundenheit der agrarischen Produktion, sondern der effiziente Einsatz der Produktionsmittel. Der Ersatz der Arbeitstiere und Menschen durch die Motorisierung sorgen dafür, dass grosse Flächen für die Produktion für die Märkte frei werden. Hinzu kommt, dass durch neue Anbautechniken, Futterimporte und die Chemisierung Produktion und Produktivität in der Landwirtschaft ab den 1950er-Jahren stärker wächst, als in der übrigen Industrie. "Und das führte dann zu den punktuell grossen Überschüssen."

  • Der nächste Schritt war die Agrarpolitik der 1990er-Jahre. Diese reagierte auf reale Probleme wie die punktuellen Überschüsse und die ökologischen Folgen der Motorisierung und Chemisierung. Damals habe die rhetorische Verbindung von Markt und Ökologie die Reform ermöglicht. (Welt-)Marktorientierung und ökologische Ausgleichsmassnahmen wurden politisch erfolgreich verknüpft. Das führte zu einem relativ grossen politischen Konsens über die Aufgaben der Agrarpolitik, der jetzt auseinander zu brechen droht, meint Moser mit Blick auf die aktuellen agrarpolitischen Debatten.

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“Scheitern und Erfolg sind keine historischen Kategorien”

Die auf der politischen Ebene gut funktionierende Rhetorik von „mehr Markt und mehr Ökologie“  wirke sich in der agrarischen Praxis widersprüchlich aus, weil Ökologie kein Gut sei. Weil die Politik der Industriestaaten auf dem Grundsatz aufbaue, dass alle wirtschaftlichen Aktivitäten negative Auswirkungen auf die Umwelt hätten,  die kompensiert werden müssten, verliere die Agrarpolitik das grosse ökologische Potenzial der Landwirtschaft aus den Augen, das auf der betrieblichen Ebene ja unübersehbar sei.

„Scheitern“ und „Erfolg“ seien keine historischen Kategorien, sagt Peter Moser. Er würde deshalb auch nicht von einem Scheitern der Agrarpolitik 2022+ sprechen, nur weil sie auf der parlamentarischen Ebene ins Stocken geraten ist. Moser plädiert dafür, genauer hinzusehen um herauszufinden, wer aus welchen Überlegungen was erreichen möchte, statt sich auf die institutionelle Politik zu versteifen. Und er plädiert dafür, vermehrt darüber nachzudenken, warum es uns als Gesellschaft nicht gelinge, vernünftig über die Grenzen und die Potenziale der Nutzung lebender Ressourcen zu sprechen.

"Produktion und Ökologie lassen sich im Agrarischen nicht trennen."

Zu berücksichtigen sei, dass die Landwirtschaft anders funktioniere als die übrige Wirtschaft, die die Reproduktion ihrer Ressourcen ausgelagert habe: "Produktion und Ökologie lassen sich im Agrarischen nicht trennen." Das habe andere zeitliche und räumliche Folgen als die industriell-gewerbliche Herstellung von Waren. Wenn man das nicht akzeptiere und in kreative Bahnen zu lenken verstehe, würden sich die agrarpolitischen Diskussionen endlos im Kreis drehen, meint Moser.

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Agrarpolitik, der Podcast

Agrarpolitik wird von vielen Menschen umgesetzt und gemacht: von Landwirtinnen und Landwirten, von Verbandsvertreterinnen und -Vertretern, vom Bundesrat, von Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Was politisch opportun ist, ist nicht immer richtig. Und was richtig ist, ist nicht immer politisch opportun. In diesem Podcast gehen wir mit Ihnen auf die Suche nach der besseren, schöneren, wirkungsvolleren und verständlicheren Agrarpolitik. Wir zeigen Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen.
Wir sind: Sie, unsere Gäste, Andreas Wyss (Gespräche) und Hansjürg Jäger (Produktion).

p.s.: Wir möchten Sie einladen, uns bei der Wahl der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, bei möglichen Themen und bei konkreten Fragen zu unterstützen. 👉Sie können unter diesem Link Vorschläge machen. Damit wird aus dem Agrarpolitik-Podcast Ihr persönlicher Podcast.

p.p.s: Hier finden Sie alle bisherigen Podcast-Folgen.

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Der Historiker Peter Moser ist Leiter des Archivs für Agrargeschichte (AfA). Die Landwirtschaft kennt er auch aus der Praxis. Die Geschichte zu kennen, helfe den Menschen selbständiger zu denken, eigenständiger zu handeln und damit die Gegenwart vernünftiger zu gestalten, sagt Moser. Das von ihm initiierte Archiv für Agrargeschichte erschliesst Quellen aus dem Agrar- und Ernährungssektor und stellt sicher, dass die wissenschaftliche Forschung zur Agrar- und Ernährungsgeschichte der Schweiz auch auf der europäischen Ebene wahrgenommen und diskutiert wird.  👉 Mehr zum Archiv für Agrargeschichte